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07.11.2015

Liebe geht durch den Magen, Stress durch den Darm

Zum diesjährigen „Darmtag“ am 7. November 2015 erklärt Chefarzt Dr. Daniel Merkel, Internist an der Immanuel Klinik Rüdersdorf, warum wir unseren Darm pflegen müssen, wenn wir uns in unserem Körper wohl fühlen wollen.
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"Der Darm: Das schwarze Schaf unter den Organen, das einem doch bisher eher unangenehm war." Vergnüglich erklärt die junge Wissenschaftlerin und Autorin Giulia Enders im aktuellen Bestseller "Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ", welch ein hochkomplexes und wunderbares Organ der Darm ist.

"Der Darm ist der Schlüssel zu einem gesunden Körper und Geist", weiß auch Dr. med. Daniel Merkel, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin in der Immanuel Klinik Rüdersdorf.

Zum diesjährigen "Darmtag" am 7. November 2015 erklärt er im Interview, warum wir unseren Darm pflegen müssen, wenn wir uns in unserem Körper wohl fühlen, länger leben und glücklicher werden wollen:

Es heißt Übergewicht, Depressionen und Allergien hängen mit einer gestörten Darmflora zusammen. Ist das richtig?

"Die Darmflora ist tatsächlich ein individuelles und hochkomplexes Ökosystem in jedem von uns, welches einen Einfluss auf vielfältige emotionale und organische Funktionen hat. Es besteht aus mehreren Billionen(!) Bakterien, somit existieren in einem normalen Darm mehr Bakterien als es Körperzellen in uns gibt. Mehr als 3000 verschiedene Arten von Darmbakterien wurden bisher identifiziert – wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit noch viel mehr.

Und wir wissen ziemlich gut, dass sich die Darmflora (eigentlich ist es ja keine "Flora" im ursprünglichen Sinn) bei dickeren und schlanken Menschen in der Zusammensetzung unterscheidet. Auch ändert sich die Darmflora bei Menschen, die z.B. Körpergewicht verlieren. Aber ob das nur ein Begleitphänomen ist oder eine mögliche Ursache für Fettleibigkeit darstellt, ist nicht abschließend geklärt. Ähnliches gilt für seelische Veränderungen und auch für Allergien: Wir können Phänomene beschreiben, wissen aber nicht, ob Veränderungen der Darmflora ursächlich eine Rolle spielen." 

Wo liegt die Ursache?

"Es ist trotz großer wissenschaftlicher Bemühungen bis heute niemandem gelungen, das komplexe enterale Ökosystem auch nur annähernd zu verstehen. Wir können bis heute nur grobe Entgleisungen eines natürlichen mikrobiologischen Gleichgewichts im Darm diagnostizieren und manchmal auch therapieren.

Dann handelt es sich aber um eigentliche Darmerkrankungen wie z.B. eine infektiöse Gastroenteritis oder auch eine Diarrhoe als Folge einer Antibiotikatherapie. Wenn konkrete extraenterale Zusammenhänge mit Übergewicht oder Depressionen vermutetet werden, tappen nicht nur wir Schulmediziner diagnostisch leider im Dunkeln."  

Wie kann der Darm unser Schlüssel zu einem gesunden Körper sein?

"Zunächst finde ich es nicht nur als Gastroenterologe sehr gut, dass Frau Guilia Enders mit ihrem Bestseller offen über den Darm redet und ihn damit enttabuisiert. Der Darm ist wahrscheinlich tatsächlich ein unterschätztes Organ. Andersherum stellen weder eine gesunde Ernährung noch ein "gesunder" Darm den ultimativen Schlüssel für einen gesunden Körper dar. So einfach funktioniert die Medizin leider nicht.

Aus meiner Sicht wird von vielen Menschen die Rolle der Nahrungsbestandteile wie Gluten, Selen oder Zink und auch der Einfluss von "biologischer" Kost deutlich überschätzt. Gerne wird vergessen, dass seelischer Stress durch Ärger, Wut und Anspannung sehr konkrete Darmsymptome wie Schmerzen oder auch Durchfall hervorrufen kann. Viele meiner Patienten suchen dann bei mir als Gastroenterologen eine pragmatische Lösung, die es so natürlich nicht geben kann.

Und schließlich möchte ich davor warnen, die eigentliche Ursache für Übergewicht in der Darmflora zu suchen, da begeben wir uns mit Sicherheit in eine Sackgasse. Die wichtigsten Ursachen für Adipositas sind seit Jahrzehnten unverändert Appetit und Bewegungsmangel, daran hat sich trotz modernster Forschung leider nichts geändert."

Wie können wir etwas für die „Gesundheit“ unseres Darms tun?

"Eine ausgewogene Kost – mit "dunklem" Brot, viel Obst und Gemüse und eher wenig Fett und Fleisch – gilt bis heute als beste Ernährungsempfehlung für gesunde mitteleuropäische Menschen, das ist wissenschaftlich erwiesen. Auch wenn es etliche Diät-Ratgeber in unseren Bücherregalen gibt und diese sicherlich im Einzelfall auch Menschen positiv beeinflusst haben mögen, hat sich bei den allgemeinen Ernährungsempfehlungen, wie wir sie schon in der Schule gelernt haben, bis heute nichts Wesentliches geändert.

Übrigens wissen wir auch gut, dass sich körperliche Betätigung positiv auf die Darmfunktion auswirkt. Mit etwas Sport schlagen wir also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir tun etwas Effektives gegen Übergewicht und für einen gesunden Darm! Das ist aus meiner Sicht besser (und übrigens auch billiger) als Dinkelbrot aus dem Bioladen."

 
 
 
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