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In der aktuellen Folge der Radiosendung „Natürlich gesund“ mit Julia Nogli erklärt Prof. Dr. Jens Schmidt, Chefarzt der Neurologie und Schmerzmedizin an der Immanuel Klinik Rüdersdorf und Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Hochschule Brandenburg, wie medizinische Forschung unmittelbar in die Versorgung von Patientinnen und Patienten einfließt.

Im Gespräch steht ein bedeutender Fortschritt in der Alzheimer-Behandlung im Mittelpunkt: Erstmals stehen für Menschen mit einer frühen Alzheimer-Erkrankung zugelassene Antikörpertherapien zur Verfügung, die gezielt krankheitsverursachende Eiweißablagerungen im Gehirn – sogenannte Amyloid-Plaques – abbauen und so den Verlauf der Erkrankung nachweislich verlangsamen können.

Mehr Informationen finden Sie in der Pressemitteilung "Erste Behandlung mit neuem Alzheimer Mediakment in Rüdersdorf".

Prof. Schmidt erläutert, für welche Patientengruppen diese neuen Medikamente geeignet sind, wie der Erfolg dieser speziellen Therapien gemessen wird und welche Bedeutung solche innovativen Ansätze für die Versorgung von Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen haben. Darüber hinaus gibt er Einblicke, wo die Forschung zum Thema Alterungsprozesse und neurodegenerative Erkrankungen aktuell steht und wie spezialisierte Angebote wie die Demenzsprechstunde Betroffene und Angehörige unterstützen.

Der Hör-Tipp macht deutlich, wie wichtig der Weg von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in die klinische Praxis ist – und wie diese Übersetzung dazu beiträgt, dass Patientinnen und Patienten bereits heute von den neuesten medizinischen Fortschritten profitieren können.

Das ganze Interview können Sie direkt hier als Audio anhören.

Wie dient Forschung der Behandlung von Alzheimer-Patienten?

Prof. Dr. Jens Schmidt, Chefarzt der Abteilung Neurologie an der Immanuel Klinik Rüdersdorf und Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Hochschule Brandenburg, spricht in der Radio Paradiso-Sendung „Natürlich gesund“ über den Wendepunkt in der frühen Alzheimer-Behandlung.

Julia Nogli

Radio Paradiso mit Natürlich gesund. Mein Name ist Julia Nogli. Heute betrachten wir die Thematik Wissenschaft und Praxis.

Wie dient Forschung der Behandlung von Patienten? Ein Beispiel dafür sind neue Antikörper gegen die Alzheimer-Erkrankung. Experte am Telefon ist Prof. Dr. Jens Schmidt, Chefarzt der Abteilung Neurologie an der Immanuel-Klinik Rüdersdorf und auch Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Ich grüße Sie und wünsche Ihnen noch ein frohes neues Jahr.

Prof. Dr. Jens Schmidt

Ja, ein frohes neues Jahr wünsche ich Ihnen auch, Frau Nogli. Herzlichen Dank für die Einladung.

Julia Nogli

Sehr gerne, denn das ist heute echt mal ein ganz spannendes Thema.

Allgemein vielleicht erst mal Neurologie. Welche Erkrankungen oder Störungen oder auch Symptome werden in diesem Zusammenhang behandelt?

Prof. Dr. Jens Schmidt

In der Neurologie behandeln wir akute Erkrankungen wie den Schlaganfall. Wir behandeln Bewegungsstörungen wie die Parkinson-Erkrankung.

Wir behandeln entzündliche Erkrankungen des Kopfes wie zum Beispiel die Multiple Sklerose. Dann natürlich auch seltenere Erkrankungen wie zum Beispiel neuromuskuläre Erkrankungen. Das sind Erkrankungen wie die Myasthenie oder Neuropathien wie auch entzündliche Neuropathien, die CDP oder auch Entzündungen des Muskels.

Und dann natürlich ganz häufig bei uns auch auf der Rettungsstelle Kopfschmerzerkrankungen, akute Schwindelerkrankungen. Also eine breite Palette an Erkrankungen, die bei uns in der Neurologie behandelt werden.

Julia Nogli

Und was ist Ihre Tätigkeit an der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane? So heißt es ja mit ganzem Namen.

Prof. Dr. Jens Schmidt

Ich habe dort den Lehrstuhl für Neurologie, das heißt die Verpflichtung auch mit dazu beizutragen, ganz aktiv, dass die Studierenden, im Moment ja die einzige medizinische Hochschuleinrichtung in Brandenburg aktuell, das heißt, dass die Studierenden auch im Fach Neurologie gut unterrichtet und ausgebildet werden. Und dann, das ist das dritte sozusagen Standbein, neben Klinik und der Lehre natürlich auch die Forschung. Das heißt, dass wir mit auch versuchen, im Kontext von der Grundlage bis zu dann auch den klinischen Studien uns immer wieder auch aktiv einzubringen und neue Entwicklungen mit zu ermöglichen und auch die neuen Therapien dann auch einzusetzen.

Julia Nogli

Und woran wird aktuell so geforscht? Gibt es da mehrere Ansätze?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Grundsätzlich wird an der MHB vor allem das Thema Altern des Menschen mit erforscht, mit verschiedenen Untersuchungsansätzen. Und dazu gehören vor allem natürlich auch die Demenz, also das Vergessen, das vorzeitige Vergessen, Erlernen von neuen Fähigkeiten, natürlich ganz stark mit dazu.

Julia Nogli

Ja, da gab es kürzlich eine Pressemitteilung, wo man deutlich den Stolz gemerkt hat ihrer Einrichtung.

Da geht es um Alzheimer an die Körper, die da eingesetzt werden. Erklären Sie doch bitte mal, was da für ein Fortschritt erzielt werden konnte?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Es ist so, dass es auch mit Brandenburger Beteiligung, nicht bei uns selbst, aber an anderen Einrichtungen auch in Brandenburg, viele Patientinnen und Patienten mit an klinischen Studien beteiligt waren bei der Entwicklung von zwei neuen Antikörpern, die in diesem Jahr neu zugelassen wurden und jetzt ganz frisch zur Verfügung stehen, also sprich eingesetzt werden können für die Demenz. Und das ist nach vielen, vielen Jahren der Forschung wirklich ein absolutes Novum.

Es hat in den letzten Jahren immer nur die Möglichkeit gegeben, symptomorientiert zu behandeln. Das heißt also, Moleküle einzusetzen, die ein bisschen zu einer Verbesserung des Denkvermögens führen, aber eben die Erkrankung vom Grundsatz her nicht verändern können. Die neuen Therapien, die jetzt zugelassen worden sind, können erstmals auch wirklich das Voranschreiten der Erkrankung aufhalten.

Und das ist ja ganz wesentlich, um sozusagen dazu beizutragen, dass die Demenz erst gar nicht so schlimm wird. Und das ist praktisch ein ganz, ganz neues Therapieprinzip, das auch international in anderen Ländern auch jetzt erstmals zugelassen worden ist. Also wir sind ja in Deutschland, innerhalb Europas gekoppelt, auch von der Zulassung her, den wir da jetzt ja nicht alleine.

Und wir haben es auch geschafft, jetzt sehr, sehr zeitnah mit der ersten Zulassung auch die ersten Betroffenen zu behandeln.

Julia Nogli

Können Sie vielleicht kurz einfach erklären, wie es funktioniert? Es geht ja um diese Ablagerung dabei, oder?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Ja, ein besonderes Wesen bei der Alzheimererkrankung ist, dass wir Amyloid erkennen als Ablagerung, als ein Eiweißbestandteil, der sich im Gehirn ablagert. Und es ist lange bekannt, dass praktisch diese Ablagerungen von Eiweißbestandteilen wie des Amyloids auch mit dazu führen, dass die Zellen, also die Nervenzellen im Gehirn beeinträchtigt werden in ihrer Funktion, dass der Stoffwechsel nicht mehr gut funktioniert, dass die Zellen in ihrer Funktion beeinträchtigt werden und dadurch natürlich dann als Resultat die Denkprozesse beeinträchtigt werden.

Und die neuen Therapien zielen jetzt genau darauf, dass dieses Eiweiß, das Amyloid, das sich ablagert im Gehirn, sich nicht mehr weiter ablagert oder sogar, dass bestehende Ablagerungen auch wieder aufgelöst werden.

Julia Nogli

Ja, das ist natürlich wirklich gut. Und an welche Patientinnen und Patienten richtet sich das ja nicht für alle Betroffenen?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Richtig, also es ist wichtig für diese Therapie, die schon auch einen gewissen Aufwand darstellt, auch an entsprechenden vorbereitenden Untersuchungen und Diagnostik, dass praktisch die Gewissheit besteht, dass eine entsprechende Demenz auch wirklich durch dieses Amyloid verursacht wird, also dass eine Alzheimererkrankung vorliegt.

Es gibt verschiedene andere Demenzformen, z.B. durch eine unzureichende Gefäßversorgung des Gehirnes oder im Rahmen von anderen degenerativen Erkrankungen des Gehirnes. Also sprich, dass die Diagnose stimmt, ist ganz wichtig. Und dann, dass die Betroffenen erkrankt sind, aber noch nicht so schwer betroffen sind.

Also hier gibt es sozusagen eine Abstufung der Zulassung, weil im Moment befürchtet wird, dass eben, wenn die Erkrankung schon zu weit vorangeschritten ist, dass dann die Therapien nicht mehr so gut wirken.

Julia Nogli

Und wie wird das? Das ist jetzt nicht einfach nur eine Tablette, die man da nimmt, ne?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Richtig, das sind sozusagen Infusionen, die verabreicht werden, die aber gut verträglich sind und die praktisch auch mit einer kurzen Infusionszeit nur vergesellschaftet sind. Das kann also praktisch mit einem kurzen Aufenthalt in einer Ambulanz z.B. bewerkstelligt werden und die Patienten kommen.

Man schaut, dass praktisch es den Patienten gut geht. Dann kann quasi die Infusion verabreicht werden und dann kann der Patient auch wieder gehen. 

Julia Nogli

Und das wird ja jetzt schon angewendet. Ich kann mir vorstellen, dass Patienten das in dem Fall wirklich gerne sozusagen, es ist ja keine Studie mehr, sondern es wird angewendet. Und gibt es da auch schon Erfolge, die Sie sehen können?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Also es ist im Moment bei uns noch zu früh, die Erfolge selber auch belegen zu können mit Patienten, die wir bei uns behandeln, weil ja die Therapie in diesem Jahr erst zugelassen worden ist und demzufolge auch die Therapie jetzt erst in den letzten Monaten begonnen hat. Und deswegen ist es noch zu früh, die eigenen Erfolge sozusagen in Zahlen zu fassen und bei den einzelnen Patienten auch belegen zu können.

Aber von den Zulassungsstudien ist es eindeutig gewesen und die Zulassungsstudien haben demzufolge dann ja auch zu der Zulassung der Präparate geführt. Das heißt also in der Tat sind die Behandlungen, die jetzt durchgeführt werden, nicht mehr im Rahmen von klinischen Studien, sondern praktisch so wie jedes andere Medikament auch, nur dass eben, wie Sie schon auch gesagt haben, es eben nicht nur einfach eine Tablette ist, sondern eben eine Infusionsbehandlung und eben auch für eine ganz wichtige Struktur unseres Körpers, nämlich das Gehirn.

Julia Nogli

Und wird die Patientin oder Patient diese Erfolge selbst merken oder sind das letztlich Tests, die dann gemacht werden? Also wie kann man denn überhaupt das messen, sozusagen diesen Erfolg?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Man kann den Erfolg daran messen, dass man einfach weiß, dass eine Demenz eine unaufhaltsam, bisher eine unaufhaltsam voranschreitende Erkrankung gewesen ist.

Das heißt, wenn es jemanden gibt, der erkrankt ist und merkt, dass es Symptome gibt und eine Demenz diagnostiziert wird, dann merken die Betroffenen selbst und auch das Umfeld üblicherweise im Verlauf der Erkrankung, dass das Denken über die Zeit die Vergesslichkeit zunimmt. Das ist unterschiedlich schnell, aber trotzdem unaufhaltsam. Und wenn wir es durch die Therapie schaffen, sogar bestimmte Bereiche des Gehirns auch wieder zu verbessern, dann werden Patienten sogar auch eine Verbesserung verspüren und auf jeden Fall merken, im Idealfall, dass die Erkrankung nicht voranschreitet. Das heißt also, dass es zu keiner Verschlechterung kommt.

Julia Nogli

Ja, das ist auf jeden Fall ein großer Benefit. Es gibt auch eine Demenz-Sprechstunde bei Ihnen. Was kann man sich darunter vorstellen und wer kommt denn dahin?

Prof. Dr. Jens Schmidt

Richtig, das ist natürlich auch ein ganz wichtiges Instrument, das vorhanden sein muss, um überhaupt die entsprechenden Patienten einordnen zu können, beraten zu können, damit Patienten auch wissen, an wem können sich wenden und damit eine mögliche Therapieentscheidung dann auch gut begleitet werden kann und damit auch die Patientinnen und Patienten, die für eine Therapie möglicherweise ausgewählt werden können, dann auch die entsprechenden Informationen bekommen können, auch die entsprechende Termingestaltung dann direkt persönlich besprochen werden kann, auch mit Angehörigen zusammen das geplant und abgestimmt werden kann. Und deswegen gibt es diese Demenz-Sprechstunde. Die entsprechenden Kontaktdaten sind auf der Webseite der Klinik jederzeit einsehbar.

Julia Nogli

Ja, und diese Infos finden Sie auch hier bei uns auf www.paradiso.de in unserer Mediathek unter natürlich gesund. Dort wie immer auch die ganze Sendung zum Nachhören. Einen gemütlichen und schönen Abend für Sie mit Radio Paradiso.

Die vollständige Folge können Sie auch in der Mediathek von Radio Paradiso nachhören.

Mehr Informationen zur Neurologie in der Immanuel Klinik Rüdersdorf.